Donnerstag, August 03, 2006

Syrischer Auslandspraktikant beim Handelsblatt

Oft schon fragte ich mich, was mit der Auslandberichterstattung bei der Onlineversion vom Handelsblatt nicht stimmen kann?

Einmal wird tendenziös über eine Hezbollah-Demonstration in Beirut berichtet, nur unter Berücksichtigung der ideologischen Inhalte der Hezbollah und unter völliger Unterschlagung der Tatsache, dass im Anschluß dieser Demonstration die UNO-Zentrale von den Demonstranten angegriffen worden ist.

Ein anderes Mal wird es so hingestellt, der Hezbollah-Raketenbeschuß wäre ein Resultat der israelischen Intervention und nicht schon vor dem Beginn der militärischen Maßnahmen (auch für einen Handelsblatt-Redakteur) zu recherchieren gewesen.

Also irgendetwas stimmt da nicht. Ich kam zu der Vermutung, dass in der heißen Sommerzeit wohl ein studentischer Ferienpraktikant reichlich Gelegenheit bekäme sich auszutoben, während die eigentlichen Verantwortlichen am Strand lägen und sich entspannen würden. Vielleicht käme dieser Praktikant aus Syrien oder Iran, was es mir verständlicher gemacht hätte, was leider aber nicht so ohneweiteres zu erfahren ist.

So kann man sich sicher darüber aufregen oder es mit Humor nehmen, ich entschloss mit für letzteres und setzte den Feed dieser Internet-Gazette auf meine Watchliste. Nette Perlen journalister Parteilichkeit für die Sache der Hezbollah leuchten dort immer wieder durch. Über den Hauptverantwortlichen an der Eskalation der Dinge im Libanon lese ich zB:

Nicht nur Libanesen, sondern auch andere Araber und Muslime jubeln, wenn sich ihr Parteichef Hassan Nasrallah gelegentlich mit besonnener Stimme aus dem Untergrund meldet. Der bärtige Volkstribun ist ein Meister der Selbstbeherrschung und ein kühler Taktiker. Anders sind da viele seiner Anhänger, die sich gelegentlich zu Äußerungen wie "in Wirklichkeit wollen wir nicht nur unsere Gefangenen zurück, sondern ganz Palästina befreien", hinreißen lassen. (Quelle: Handelsblatt)

Wir lernen, dass Nasrallah eigentlich ein toller Typ ist ("Meister der Selbstbeherrschung", "besonnene Stimme") und dass Aussagen der Hezbollah, die Israel das Existenzrecht absprechen, eher Randmeinungen von unwichtigen Handlangern sind. Ja das Handelsblatt macht einen die Weltsicht einfacher...
Ein weiterer Geschmack von "Journalismus wie in Theran" findet sich heute. Es wird berichtet, dass

der britische Premier und enge US-Verbündete Tony Blair [indirekt einräumte], dass die gesamte Anti-Terror-Strategie des Westens zu einer Verhärtung des Konfliktes beitrage und verändert werden müsse

Quellen, Belege oder gar ein Zitat Blairs werden da unterschlagen und man kann sich ausmalen, was darunter zu verstehen wäre, wenn man was "indirekt einräumt". Jetzt der eigentlich Skandal, direkt im Anschluß, ohne Absatz und Pause wird behauptet:

"Der einzige Weg zum Sieg ist andauernder Widerstand gegen das Besatzerregime Israel", sagte Ajatollah Ali Chamenei. Sein Land werde der libanesischen Nation und den kämpfenden Palästinensern beistehen. (Quelle:Handelsblatt)

Damit wird suggeriert, dass Blair das vorwegnimmt, was Ali Chamenei (Funktionär im Iran) dann ausformuliert! Das ist mehr als abstrus und entspricht vielleicht dem Wunschdenken des Handelsblatt-Mitarbeiters, der sich dort in aller Ruhe austoben darf.
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